Lernstörungen: Wie sie entstehen und was wirklich hilft
Das Gefühl, etwas einfach nicht zu schaffen, obwohl man es wirklich versucht und sich angestrengt hat, ist wohl jedem bekannt. Ein schönes Gefühl ist das nicht, es kratzt am eigenen Selbstwert. Mir ging es zuletzt so bei einer Knobelaufgabe, die räumliches Denken erforderte und die ich trotz intensiver Bemühung nicht lösen konnte. Dann kam meine Tochter daher und löste sie innerhalb kurzer Zeit. In solchen Momenten erwische ich mich dabei, dass solche Gedanken aufploppen wie: Dazu bin ich zu blöd!
Für Kinder mit Lernstörungen ist das Alltag. Sie sitzen über ihren Hausaufgaben, geben ihr Bestes, und doch hagelt es Fehler. Aus anfänglicher Frustration wird schnell Scham, Selbstzweifel und schließlich Angst vor dem Lernen selbst. Lernen, das eigentlich Freude machen könnte, verwandelt sich so in eine tägliche Belastung. Die Knobelaufgabe entscheidet nicht über meinen persönlichen Erfolg, ich kann sie in die Ecke legen und mich Dingen widmen, die mir besser liegen. Das können Kinder mit Lernstörungen nicht. Sie werden jeden Tag mit ihren eigenen Grenzen, mit ihrem Scheitern konfrontiert und sehen die anderen, bei denen es mühelos zu gelingen scheint.

Genau hier setzt die Lerntherapie an. Sie betrachtet Lernstörungen nicht nur als „Fähigkeitsproblem“, sondern als Folge eines Teufelskreises: Misserfolge führen zu negativen Gefühlen, diese wiederum blockieren weiteres Lernen – ein Kreislauf, den Betz und Breuninger treffend als „Teufelskreis der Lernstörung“ beschrieben haben. Das Verständnis dieses Modells eröffnet Wege, Kindern wieder Vertrauen, Motivation und Lernfreude zurückzugeben.
Es veranschaulicht, wie sich Misserfolge, Angst und negative Selbstbilder gegenseitig verstärken – und wie ohne rechtzeitige Unterstützung ein Teufelskreis entsteht. Aus dem Modell geht hervor, dass Lernstörungen nicht isoliert entstehen, sondern sich in einem dynamischen Wechselspiel zwischen Kind, Lehrkraft, Eltern und Lernumfeld entwickeln und verfestigen. Der Teufelskreis beschreibt die Mechanismen und Ursachen, welche bei einem Kind dazu führen können, eine Lernstörung zu entwickeln und zu verfestigen, bis hin zur Entstehung von Lernängsten, Depressionen oder Schulverweigerung.
Das Modell unterscheidet zwischen drei miteinander verknüpften Kreisläufen:
1. Innerer Kreislauf
Macht ein Kind wiederholt die Erfahrung, im Unterricht nicht mithalten zu können, schlechte Bewertungen zu erhalten und dafür kritisiert zu werden, stellen sich häufig negative Gedanken ein, wie „ich bin zu dumm“ oder „das kann ich sowieso nicht“. Hält diese Erfahrung an, werden solche negativen Gedanken schnell zu festen Glaubenssätzen und jeder neue Misserfolg erhöht die Misserfolgserwartungen des Kindes. Mit der Zeit verfestigt sich eine Misserfolgserwartung des Kindes im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, der Kreislauf chronifiziert sich.
2. Sozialer Kreislauf
Kinder mit Lernstörungen entwickeln aus den anhaltenden Misserfolgen heraus oft auffällige Verhaltensweisen. Sie sind Ausdruck ihrer eigenen Überforderung, ihres Frusts und ihres angegriffenen Selbstwertgefühls. Das Kind zieht sich zurück, stört den Unterricht oder wird wütend, wenn es Hausaufgaben machen soll. Eltern und Lehrkräfte reagieren auf dieses Verhalten auf eine Weise, die vom Kind wiederum als Druck oder Strafe empfunden werden, auch wenn mitunter es als Hilfe gemeint war. So entsteht ein Kreislauf aus Rückzug, Abwehr und Missverständnissen. Zusätzliche soziale Belastungsfaktoren können den sozialen Kreislauf noch weiter verstärken.
3. Pädagogischer Kreislauf
Werden die Ursachen für Lernschwierigkeiten im schulischen Alltag falsch eingeschätzt, zu hohe Leistungsanforderungen gesetzt und unpassende Förderansätze verfolgt, kann dies zur Folge haben, dass Kinder überfordert und entmutigt werden. Umgekehrt kann die Lehrkraft davon ausgehen, dass ein Kind „faul“ oder „unwillig“ ist, obwohl es tatsächlich überfordert oder unsicher ist. Dem Kind wird zurückgemeldet, dass es sich nur mehr anstrengen oder fleißiger sein müsste. Es bekommt zu hören, dass man das doch nun schon so oft erklärt hat und das Kind es eigentlich wissen müsste. Sind Aufgaben zu schwierig, unklar oder nicht lernstandsgerecht, kann das Kind schnell frustriert oder demotiviert werden. Ein Mehr an Üben bringt keine Verbesserung, sondern verschärft die Situation häufig noch. Ohne Wissen über die Hintergründe von Lernproblemen werden häufig Aufgaben und Fördermaßnahmen nicht auf das Kind und dessen Lernvoraussetzungen passend gewählt. Infolgedessen fühlt sich das Kind missverstanden, verliert zunehmend Vertrauen in sich und die Lehrkraft, entwickelt eventuell Ängste oder Resignation.

Um diesen Kreislauf zu unterbrechen, setze ich in der Lerntherapie auf drei wesentliche Hebel: Den Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung als Basis, damit sich das Kind sicher fühlt und öffnen kann, den Fokus auf die Stärken des Kindes, seine Fähigkeiten und Ressourcen, die ja immer auch vorhanden, aber mitunter aus dem Blick geraten sind und nicht zuletzt die Null—Fehler-Grenze. Null-Fehler-Grenze meint, anhand einer Lernstandsdiagnostik den tatsächlichen Lernstand des Kindes herauszufinden und dann da anzusetzen, wo das Kind inhaltlich wirklich steht. So schaffe ich Erfolge und es entsteht neue Motivation zum Lernen.
Der Teufelskreis Lernstörung zusammengefasst
Zunächst bestehen beim Kind Lernschwierigkeiten, sei es infolge eines Schulwechsels, einer längeren Erkrankung, oder auch einer bestehenden Teilleistungsstörung wie LRS oder Dyskalkulie.
In bestimmten Fächern kommt es wiederholt zu Misserfolgen. Das führt beim Kind zu Unsicherheit, Angst und geringem Selbstvertrauen.
Jetzt kommt die Reaktion der Umwelt ins Spiel.
Lehrkraft und Eltern reagieren mit negativen Rückmeldungen (weniger Lob, häufigere Kritik, traurige Smileys) und gutgemeinten Ratschlägen (du musst mehr üben …).
Das bewirkt wiederum etwas im Kind.
Es spürt die Skepsis, Ungeduld oder Enttäuschung, fühlt sich „dumm“, unverstanden und zurechtgewiesen und reagiert mit Rückzug und Vermeidung. Mitunter entwickelt es auffällige Verhaltensweisen. Die Lern- und Leistungsmotivation sinkt infolge weiter ab.
Die Lernprobleme verstärken sich.
Die geringere Motivation, Angst vor Misserfolg und (Aufgrund der Vermeidung) mangelnde Übung führt bei der nächsten Leistungsabfrage zu noch mehr Fehlern. Das Kind erlebt so immer häufiger, dass es etwas nicht kann.
Der Teufelskreis verfestigt sich
Es entsteht eine sogenannte sich selbsterfüllende Prophezeiung: Aufgrund dessen, dass das Kind von sich denkt, es könne nichts, traut es sich weniger zu und erwartet, wieder zu scheitern. Es vermeidet es, zu üben, Hausaufgaben zu machen, nimmt weniger am Unterricht teil und die Leistungen verschlechtern sich weiter. Somit haben die negativen Erwartungen dazu geführt, dass sie auch eingetroffen sind.
Es ist demnach von zentraler Bedeutung, wie mit den Misserfolgen des Kindes umgegangen wird.
Mit dem Wissen über die im Modell des Teufelskreises von Betz und Breuninger beschriebenen Prozesse und Dynamiken, lassen sich Ansatzpunkte finden, mit denen Eltern und Lehrkräfte wirksam gegensteuern können: Durch Lob (der Bemühung, der Anstrengungsbereitschaft, auch der kleinen Erfolge), ermutigende Rückmeldungen, im Ermöglichen von Erfolgen sowie im Bestärken des Kindes in dem, was es kann, was gut läuft. Hier spielt auch der passende Nachteilsausgleich für Kinder mit LRS oder Dyskalkulie eine wichtige Rolle.
Sie möchten mehr über Nachteilsausgleich bei LRS oder Dyskalkulie erfahren? Hier bekommen Sie mehr Infos: https://www.lerntherapie-haentsch.de/nachteilsausgleich-bei-teilleistungsstoerungen-in-sachsen-eine-faire-sache/
Die Lerntherapie bietet wertvolle Unterstützung, um beim Kind Motivation, Selbstvertrauen und passende Lernstrategien zu fördern und steht Eltern und Lehrkräften begleitend mit Tipps und Informationen zur Seite. So kann durch ein frühzeitiges, gemeinsames und ganzheitliches Vorgehen von Schule, Elternhaus und Lerntherapie die Spirale des Teufelskreises Lernstörung durchbrochen werden.

Hier finden Sie nähere Informationen zu meinem lerntherapeutischen Angebot: https://www.lerntherapie-haentsch.de
Quellen:
Betz/Breuninger (1998). Teufelskreis Lernstörungen: Theoretische Grundlegung und Standardprogramm. BELTZ Verlag
Bilder: Bild 1: Chat GPT; Bild 2: Canvas; Bild 3: Lerntherapie Häntsch
